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Stade, die Hauptstadt | ![]() |
Stade hat zwei Gesichter, die nicht immer scharf voneinander getrennt sind. Zum Einen das von windschiefen Fachwerkbauten gesäumte Geschachtel verwinkelter Gassen zwischen Pferdemarkt
und Fischmarkt, in dem Fremde sich schwer zurechtfinden: Die Sonntagsseite. Sonntags ist die Altstadt auch außerhalb der eigentlichen Touristen-Saison ein Anziehungspunkt für Ausflügler aus der Nachbarschaft, vor allem aus Hamburg.Sonntags und in den Sommermonaten, wenn die Einheimischen in den Süden fliegen, sind Hökerstraße, Wasser West und Ost, Bungenstraße und Lämmertwiete geprägt von Besuchern. Während die Eigenarten der Stadt für seine Einwohner im Alltag verwischen; während der Stader sich vielleicht ärgert, dass er auf dem Weg zu einer simplen Besorgung bei der Post oder in der Apotheke eine Busladung aus Köln umschiffen muss; während der Einheimische den Gott der Händler und Diebe, Merkur mit den Flügelschuhen, der seit 1667 über dem Eingang des Rathauses wacht, keines Blickes würdigt; während der Stader zwischen den Fassaden wie anderswo auch lebt - stehen da die Besucher und staunen. Etwas davon färbt auf die Stader ab, die ihre Stadt fortwährend so bewundert sehen.
Hier schnappt der Einheimische Bruchstücke einer Geschichte auf, die eine Fremdenführerin zum Besten gibt. Dort gerät er zwischen eine japanische Gruppe und dem Objekt ihrer Kameras und findet sich, ohne es je zu wissen, in tausenden von Familienalben als Teil des Panoramas verewigt, als Akteur auf einer Bühne, auf der "Alltag in einer norddeutschen Kleinstadt" gespielt wird für ein Publikum, das nie in die Viertel gerät, in denen der Stader gemeinhin lebt.
Mit wenigen Schritten gelangt der Passant einmal über den Geestrücken, auf dem und um den herum die alte Stadt angelegt wurde. Ein Straßengürtel und der einstige Festungsgraben umrunden den Stadtkern. Jenseits davon liegt das alltägliche Stade. Viertel, in die man nicht kommt, wenn man dort nicht wohnt. Da entstehen Stadtteile, in denen Einheimische noch nie geparkt haben. Steigt man aus, geht die schmalen Straßen zwischen den niedrigen Reihenhäusern entlang, zum Kinderspielplatz und zurück zum Parkplatz - steht dort schon das Auto eines Anwohners, der auf seinen Parkplatz wartet. Und der Nachbar kann sich nicht vorstellen, wenn die da besuchen wollen. Winkel wie draußen auf dem Dorf, mit Leuten, die so selten in die Altstadt kommen wie manche Besucher, geschweige denn in Viertel auf der anderen Seite der Stadt.
Wenn eine Kleinstadt übersichtlich ist, dann ist Stade eine große Stadt. Eine Stadt mit verbotenen Bezirken sogar. In das Altländer Viertel verirrt man sich nicht einmal zufällig, es wird gemieden. Es gibt weitaus unwirtlichere Hochhausquartiere als dieses - für Stade reicht der Schrecken, den es in der öffentlichen Meinung verbreitet. Wie die Stadt damit umgeht, wird zeigen, wie groß sie wirklich ist.
Berühmt aber ist Stade nicht für die Sonntagsseite. Jenseits des Landkreises, schon in Hamburg und für alle deutschen Touristen ist Stade synonym mit dem Atomkraftwerk. Und so wird es bleiben - auch und erst recht, wenn das AKW absehbar zur Ruine geworden sein wird. Vielleicht eine neue Touristenattraktion? Mittlerweile ist die Assoziation mit Kraftwerk fast ein Trauma für die stolzen Stader. Die stolz waren auf die "erste Kernspaltung" vor 27 Jahren. Stade und der Schrottreaktor - eine verletzende Gleichung.
Auch deshalb, weil am Netz des KKW die Anlage der Chemiefabrik Dow mit seinen 1600 Arbeitsplätzen hängt. Das Sonntagsgesicht basiert auf den heute heikelsten Punkten der Alltagsseite. Der Ende der 60er-Jahre eingeleitete industrielle Aufschwung hat die Altstadt-Sanierung finanziert. Wenn Stades Alltagsgesicht sich beschattet und die Dow in Gefahr gerät, wird die Puppenstube der Innenstadt zur hohlen Fassade. Ein schöner Schein, der nur den Touristen genügt, die nach ein paar Stunden wieder weg fahren.
"Vor 800 Jahren hat Hamburg Stade überholt, jetzt holen wir auf", habe er vor 30 Jahren getönt, erinnert sich Horst Eylmann, ehemals Bürgermeister, Bundestagsabgeordneter und bis heute für die CDU im Stadtrat. Inzwischen sei Stagnation eingetreten. Große Sprünge wie der Bau der Stadthalle, des gerade zehn Jahre alten Stadeums, sind ausgeschlossen; die Bestandssicherung ist mühsam genug.
Die Autobahn A 26 nicht energisch genug eingefordert zu haben, war Eylmanns Ansicht nach der größte politische Fehler der Region, unter dem Stade besonders leidet. Der alltägliche stockende Verkehr bremst auch die Entwicklungschancen der Stadt. Dass 1978 die Bezirksregierung nach Lüneburg verlegt wurde, hat zwar den Stolz der Stader verletzt, aber kaum schwerwiegende Folgen gehabt, meint Eylmann. Zumal nicht beim Image in der Region, wo Stade unverändert als "Beamtenstadt" gilt. Auch mit dem Verlust der Garnison scheint die Stadt fertig zu werden. Zumindest die Ansiedlung von Gewerbe im neuen Stadtteil Ottenbeck auf dem alten Kasernengelände verläuft zügig.
Horst Eylmann jedenfalls denkt nicht daran, seinen Altersruhesitz in die weite Welt zu verlegen. Der auf Bonner Parkett Erfahrene schätzt das kleinstädtische "Flair", wo man einander kennt, Bekannte zufällig treffen und zum Plausch auf dem Fischmarkt verweilen kann. "In Stade ist die Welt noch in Ordnung", hat Eylmann seinen Bundestagskollegen die Stadt beschrieben.
Stolz - stur - Stade: der Stabreim beschreibt das Image der Stadt in der Region. Der Stolz auf die Sonntagsseite und die vergangenen Erfolge im wirtschaftlichen Alltag verbinden sich mit der Sturheit, die sich allem Neuen nur zögerlich zuwendet, zu einer gewissen Arroganz. Sie erfahren die Einwohner der Geest oder des Alten Landes, die zum Einkaufen nach Stade kommen, ebenso wie die Fremden, die nicht nach einem Rundgang wieder verschwinden. Die geschäftsmäßige Herzlichkeit der Stader Kunden und Gästen gegenüber ist begrenzt. Genau besehen sind sie spröde und um einiges weniger weltoffen als die Buxtehuder Nachbarn.
Ernst Harthern (1884 - 1969) im Roman "Axel Mertens Heimat" (1913)
über seine Geburtsstadt Stade:
"Denn hier in der kleinen Stadt liebt man die Titel. Die Mütze gezogen! Und Senator Holte kommt auch noch da drüben. Auch wieder die Mütze herunter. Und er zieht sie noch ein halb Dutzend Mal vor diesen Vielen, Allzuvielen und ihren Titeln. Es gibt auch einige, die keinen Titel haben, Herr Steudel zum Exempel. Aber nein, Pardon, er ist Hauptmann der Freiwilligen Feuerwehr. Aber es gibt doch einige ohne Titel. Die blieben aber hübsch für sich. Denn die mit Titeln können mit Unbetitelten nicht verkehren. Das geht nicht. Und Axel Merten soll sich ja auch einen Titel besorgen, das ist doch das Wenigste, was man als anständiger Mensch haben muss."
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