Von Uwe Ruprecht
Harburger Rundschau N°201, 29/8/2000

LOKALSPITZE

Kritik unerwünscht?

"Wir sind an Ihren Meinungen und Ansichten interessiert", steht über dem Gästebuch der Internet-Seiten der Stadt Stade. Auf einer privaten Stade-Homepage, die mehr Links enthält als die offizielle Webpräsenz ("Werners Zentrum", in jeder guten Suchmaschine) las ich folgende Bemerkung über das Gästebuch: "In Stade ist keinerlei Kritik erlaubt. Solche Einträge werden sofort wieder gelöscht. Sei es Kritik an der Homepage der Stadt oder an der Politik der Stadt Stade."

   Tatsächlich besteht das Gästebuch von www.stade.de aus Einträgen wie:
"Stade ist eine Träumerstadt", "sie hat mich verzaubert", "Stade ist ein Juwel".

   Ich habe also die Probe aufs Exempel gemacht und in ein paar Zeilen meine Verwunderung darüber formuliert, dass behauptet wird, kritische Einträge würden sofort wieder gelöscht. Und dass doch niemand so unverbesserlich sein könne, um an Kritik nicht wachsen zu können.

   Und siehe da: Am nächsten Tag schon war der Eintrag gelöscht.

   Das ist zwar ein starkes Indiz, aber kein Beweis. Und jeder sollte eine zweite Chance haben. Also noch ein Versuch, sehr zurückhaltend: "Gibt es eigentlich auch etwas Unschönes in Stade? Gibt es in Stade Probleme?"

   Darauf schrieb ein anderer Besucher sogar eine Antwort: "Nein, Stade ist nur schön! Was dachtest Du denn?" Am folgenden Tag waren wir beide gelöscht.

   "Werners Zentrum" argwöhnt: "Sind die ‚lobenden' Eintragungen dort überhaupt echt oder werden sie von Mitarbeitern der Stadtverwaltung gemacht?"

   Das habe ich den Verwalter des virtuellen Stade auch gefragt. Und keine Antwort erhalten.

   "Wir sind an Ihren Meinungen und Ansichten interessiert." Wenn sie uns passen.

Uwe Ruprecht


Von Uwe Ruprecht
Harburger Rundschau 2./3. September 2000

LOKALSPITZE

Kritik unvermeidlich

Internet-Benutzer neigen zur Geschwätzigkeit. Man surft auf eine Seite, klickt auf einen Button und gibt einen Kommentar ab. Per E-mail lässt sich ganz unverbindlich und fast anonym mit wildfremden Leuten kommunizieren. Jetzt geschrieben und gleich abgeschickt - dazu verhält sich die Briefpost wie die Postkutsche zum Automobil.

   E-mails sind briefähnlich, das Chatten ist wie Telefonieren. Irgendwo dazwischen liegen die Gästebücher von Internet-Sites. Man kann nur Kommentare abgeben, aber auch auf Einträge antworten.

   Kürzlich war an dieser Stelle zu lesen, dass im Gästebuch von www.stade.de kritische Einträge umgehend gelöscht werden. Die Betreiber der Seiten reagierten mit Verzögerung und erklärten im Gästebuch: "Wir freuen uns über alle Beiträge, solange es sich nicht um Beschimpfungen und Beleidigungen handelt. Diese werden von uns gelöscht."

   Prompt meldete sich einer der "Gelöschten" zu Wort und verwahrte sich dagegen, dass er beleidigt oder beschimpft habe: "Was ihr hier verbreitet sind einfach nur Unwahrheiten!"

   Eine Rundschau-Leserin warf grundsätzliche Fragen auf: "Was bedeutet Kommunikation und wie sieht es mit der Demokratie aus, zu der auch der Umgang mit Kritik zählt? Diese Fragen sind schon entscheidend, wenn man sich den neuen Medien wie dem Internet wirklich stellen will."

   Ein anderer Leser betonte noch einmal: "Meiner Meinung nach sollten auch Einträge des Mißfallens akzeptiert werden. Stade ist zwar eine schöne Stadt, aber mit dieser Engstirnigkeit wird man keine Besucher nach Stade locken!"

   Internet-Benutzer lassen sich nicht so leicht den Mund verbieten.

   Könnte das nicht zuversichtlich stimmen hinsichtlich des neuen Mediums?

Uwe Ruprecht

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